Gedenkveranstaltung in Cannstatt zur Pogromnacht 1938 – 9. November 2017 ab 18.00 Uhr

Am Platz der ehemaligen Cannstatter Synagoge

König-Karl-Straße 45/47 – U-Bahn Haltestelle Bad Cannstatt Wilhelmsplatz

Mit Reden von: Bernhard Löffler (Geschäftsführer DGB-Region Nordwürttemberg),, Harald Stingele (Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber e.V.), VertreterIn des Antifaschistischen Aktionsbündnis Stuttgart und Region (AABS)

Kulturprogramm: Freier Chor Stuttgart mit antifaschistischen Liedern

Anschließend:

Filmvorführung – Zeitzeugen im Interview mit Stuttgarter Jugendlichen

ab 19.00 Uhr

im Bezirksrathaus – Marktplatz 10, 70372 Stuttgart-Bad Cannstatt

 Seit 2012 haben Stuttgarter Jugendliche 23 Zeitzeugen und Verfolgte des deutschen Faschismus in Deutschland, Israel und in den USA interviewt. Die Filme liefen in den vergangenen Jahren in Stuttgarter Kinos. Das Zeitzeugenprojekt wurde von den Stuttgarter Stolpersteininitiativen und dem Stadtjugendring Stuttgart initiiert.

Anlässlich des Gedenkens an die Opfer der Pogromnacht zeigen die Filmemacher an diesem Abend Interviews, in denen die Zeitzeugen auch von ihren Erinnerungen an die Pogromnacht berichten werden.

Aufruf

Am Abend des 9. November 1938 brannten in ganz Deutschland tausende Synagogen und jüdische Geschäfte.

Tausende Wohnungen wurden zerstört, nicht vom wütenden Mob, sondern vorbereitet und organisiert von NSDAP, SA und Behörden des faschistischen Staates.

Am nächsten Tag wurden Tausende jüdische Geschäfte geplündert, zehntausende jüdische Menschen gejagt, in Konzentrationslager verschleppt und über 100 wurden ermordet.

Der Terror gegen jüdische BürgerInnen fand damit eine weitere Steigerung.

Sie wurden ihres Besitzes beraubt, zur Auswanderung gezwungen, in den Selbstmord getrieben, in KZs verschleppt und letztendlich in den Gaskammern ermordet.

Fast alle männlichen Stuttgarter Juden zwischen 18 und 65 Jahren wurden verhaftet und kamen ins Gestapo-Gefängnis Welzheim, aber auch ins KZ Dachau. Die Synagoge in Cannstatt wurde vom Leiter der Brandwache, zwei Feuerwehrleuten und einigen Nazis angezündet.

Der 9. November – äußerste Zuspitzung vor der Shoah

Nach der Pogromnacht gab es weitere Gewalt gegen Juden und Jüdinnen. Mit der „Judenvermögensabgabe“ ließ sich das Deutsche Reich von den jüdischen Opfern das Verbrechen der „Reichkristallnacht“ bezahlen. Hermann Göring erließ die Verordnungen „zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben“ sowie „über den Einsatz des jüdischen Vermögens“.

Die Großbanken finanzierten die zu erwartende Milliarde Reichsmark vor, um eine drohende Zahlungsunfähigkeit des Deutschen Reiches abzuwenden. Die Pogromnacht war die letzte und äußerste Zuspitzung vor der Shoah. Zugleich wurden damit alle moralischen Barrieren in der Vorbereitung des faschistischen Raubkrieges beseitigt.

Unzählige KommunistInnen, SozialdemokratInnen, GewerkschafterInnen und andere AntifaschistInnen wurden bereits ab 1933 verfolgt und verhaftet, um frühzeitig jeglichen Widerstand zu brechen.

6 Millionen Juden und Jüdinnen fielen letztlich der Shoa zum Opfer, mehr als 250.000 Sinti und Roma wurden im Zuge des Rassenwahns gedemütigt und ab 1940 in den KZs interniert und umgebracht.

Darüber hinaus fielen unzählige weitere Menschen wie Behinderte, Homosexuelle und andere dem faschistischen Terror zum Opfer.

Damals wie heute …

… fallen Antisemitismus und Rassismus dort auf fruchtbaren Boden, wo die soziale Not groß ist und Existenzängste bestehen.

Die Armut nimmt heute auch in Deutschland zu. Wohnen wird für viele zunehmend unbezahlbar. Prekäre Arbeitsverhältnisse wie Leiharbeit, Befristungen und Werkverträge werden immer mehr zum Alltag. Noch nicht direkt Betroffene haben zunehmend soziale Abstiegsängste.

Und wieder werden Sündenböcke präsentiert, zurzeit vor allem Geflüchtete.

Faschisten hetzen gegen den Islam und schüren Angst vor „Flüchtlingsströmen“. Diese Spaltung wirkt und immer wieder brennen Geflüchtetenunterkünfte. Gesellschaftlich Schwache und Minderheiten werden diskriminiert und angegriffen.

Zurzeit befinden sich weltweit 60 Millionen Menschen auf der Flucht vor Terror, rassistischer Verfolgung, Krieg oder wirtschaftlicher Not – Fluchtursachen, die auch durch deutsche Wirtschaftsinteressen verursacht wurden.

Die betroffenen Menschen fliehen, um zu überleben, um für sich und ihre Familien eine Perspektive zu bekommen.

Nicht sie, sondern die Fluchtursachen müssen beseitigt werden.

Mit der AfD sitzt eine rechtspopulistische Partei mit 15% auch im baden-württembergischen Landtag.

Auch im Bundestag ist ihr politischer Einfluss größer als auf den ersten Blick erkennbar. Ihre Forderungen – gerade in der Flüchtlingsfrage – werden von den Regierungsparteien nicht selten opportunistisch vorgreifend umgesetzt, was wiederum das gesellschaftliche Klima prägt.

Natürlich ist die gesellschaftliche Situation in Deutschland 2017 eine andere als 1933. Doch es gibt Parallelen: den Rassismus in der Mitte der Gesellschaft, die umfassende Krise des kapitalistischen Weltwirtschaftssystems, die Präsentation von außen- sowie innenpolitischen Feindbildern und Sündenböcken und die Bereitschaft, die Wirtschaftsinteressen militärisch durchzusetzen. Es ist festzustellen, dass die staatlichen Strukturen autoritärer werden.

Wir dürfen nicht zulassen, dass wieder Bevölkerungsgruppen als Sündenböcke herhalten müssen und Menschen gegeneinander ausgespielt werden.

Dagegen gilt es einen breiten Widerstand zu organisieren und gemeinsam für eine Welt des Friedens und der Freiheit zu kämpfen.

Stuttgarter Schicksale

Ida Carlebach: Flucht in den Tod

Die tiefgläubige Jüdin Ida Carlebach aus der Dürrheimer Straße 5 und ihre damals elfjährige Nachbarin Margarete Carle wurden am 9. November 1938 Augenzeuginnen des Brandes der Cannstatter Synagoge. Margarete Carle berichtete, dass ihr Vater mit dem Ruf „Kinder es brennt!“ ins Kinderzimmer kam, von wo der Synagogenbrand in der König-Karl-Straße gut zu beobachten war. Weil es die Synagoge war, holte der Vater Frau Carlebach aus dem ersten Stock hinzu. „Wie versteinert stand sie da“, erinnert sich Frau Carle tiefbewegt. Die Funken seien fast bis ans Haus geflogen. Mit dem Synagogenbrand erlosch der letzte Lebensmut von Ida Carlebach, die sich am 27.11.1938 das Leben nahm.

Ida Carlebach war kaum tot, als „von jetzt auf nachher“, wie sich Frau Carle erinnert, die Familie von Kriminalsekretär NN ihre Wohnung bezog. Bereits im März 1939 ging das Haus in seinen Besitz über. Damit war man dem Ziel städtischer Wohnungspolitik, Stuttgarter jüdischen Hausbesitz schnellstmöglich zu „arisieren“, einen Schritt nähergekommen.

Edwin Spiro: Verurteilung wegen „Rassenschande“

„Im Namen des Deutschen Volkes!“ hat das Stuttgarter Landgericht am 28. Januar 1936 den jüdischen Versicherungsbeamten Edwin Spiro aus der Taubenheimstraße 60/2 zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Ihm wurde zur Last gelegt, gegen das „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ verstoßen zu haben, das in §2 bestimmte: „Außerehelicher Verkehr zwischen Juden und Staatsangehörigen deutschen oder artverwandten Blutes ist verboten.“ Nach der Pogromnacht 1938 wurde er gleich Zehntausenden anderer Juden erneut verhaftet und bis zum 31. Januar 1939 im gefürchteten Konzentrationslager Welzheim eingekerkert. Eine weitere Inhaftierung in Welzheim erfolgte im Februar 1942. Von dort wurde Edwin Spiro am 2. Februar 1943 nach Auschwitz deportiert, wo sein Leben am 10. März endete.

Seine Verurteilung aufgrund eines inhumanen Gesetzes, seine Diskriminierung durch den Judenstern, seine KZ-Haft und seinen Tod, vermutlich in der Gaskammer, hat die Bundesrepublik Deutschland seiner Frau gegenüber mit 3900 DM für erlittene Freiheitsentziehung und 3540 DM für Schaden im beruflichen Fortkommen „wiedergutgemacht“.

(Texte entnommen von der Homepage der Cannstatter Stolpersteininitiative, Autor: Rainer Redies)

Dieser Aufruf wird unterstützt von:

Antifaschistisches Aktionsbündnis Stuttgart (AABS); Antifaschistische Aktion (Aufbau) Stuttgart; „Arbeit Zukunft“ Stuttgart; DIDF, Freundschafts- und Solidaritätsverein Stuttgart e.V.; DIE LINKE OV Bad Cannstatt; DIE LINKE Stuttgart; DKP (Deutsche Kommunistische Partei) Stuttgart; Fraktionsgemeinschaft SÖS LINKE-PluS; Freier Chor Stuttgart; Freundschaftsgesellschaft BRD-Kuba Regionalgruppe Stuttgart; Friedenstreff Stuttgart Nord; Friedenstreff Cannstatt; Groll, Renate und Manfred, Gerlingen; Grüne Jugend Stuttgart; Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber e.V.; Linksjugend [`solid] Stuttgart; Revolutionäre Aktion Stuttgart; SÖS – Stuttgart Ökologisch Sozial; ver.di Bezirk Stuttgart; VVN-BdA, Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten; Verein Zukunftswerkstatt e.V., Zuffenhausen; VÖS (Vaihingen Ökologisch Sozial); Waldheim Stuttgart e.V. / Clara Zetkin Haus; Waldheim Gaisburg e.V.; Zukunftsforum Stuttgarter Gewerkschaften