An:
Stephan Mappus, Ministerpräsident von Baden-Württemberg
Dr. Wolfgang Schuster, Oberbürgermeister der Stadt Stuttgart
Fraktionen im Stuttgarter Gemeinderat
Herrn Willem v. Agtmael, Firma Breuninger
Von: Charlotte Isler
Es wurde mir vor kurzer Zeit mitgeteilt dass das Hotel Silber, das früher als Gestapozentrale diente, abgerissen werden soll. Ein neuer. moderner Stadtteil, der auch dem Ausbau des Kaufhaus Breuninger dienen wird, soll an dieser Stelle errichtet werden.
Ich bin in Stuttgart geboren, und lebte dort bis 1939 (damalige Adresse Hohenstaufenstrasse 17 a). Meine Eltern, Manfred und Claire Nussbaum, mein Bruder Ernst, und ich konnten gerade noch rechtzeitig den nazi Klauen entkommen. Meine Grossmutter, damals schon in ihren hohen 60ger Jahren, wurde mit anderen älteren Leuten nach Theresienstadt deportiert, wo sie an Hunger und Typhus starb.
Obwohl ich damals ein Kind war, wusste ich genau Bescheid was damals vor sich ging. Mein Vater wurde nach Kristallnacht wie die meisten anderen jüdischen Männer vehaftet und eingesperrt. Dies obwohl er gerade vom Marienhospital nach einer gefährlichen Operation entlassen worden war und kaum stehen oder laufen konnte.Viele andere Männer wurden in die Gestapozentrale im Hotel Silber gebracht. Sie wurden dort gefoltert, in Konzentrationslager befördert, und fast alle dort ermordet. Diesen historischen Ort, der allen Stuttgartern bekannt sein sollte, damit sie nie vergessen was ihre Väter während der NS Zeit verbrochen haben, wollen Sie einfach abreissen?
Ich kannte eine Reihe christlicher Mitbürger die trotz eigener Gefahr versuchten uns während der NS Jahre zu helfen. Sie waren alle Stuttgarter, gute Menschen die nach ihrem Gewissen handelten. Die Stadt Stuttgart, andere Württemberger Behörden, und die heutigen Breuninger Besitzer machen sich scheinbar keine Gewissensbisse über die damaligen Geschehnisse, und denken sich nichts dabei eine historische Stätte wie das Hotel Silber abzureissen. Dabei ist es ja wohl bekannt dass gerade Alfred Breuninger, Firmenchef während der NS Zeit, sich damals kolossal bereicherte, nachdem seine jüdischen Konkurrenten wie Tietz und Schocken ihre Geschäfte an die nazis abgeben mussten, was für Breuninger ausgesprochen günstig war.
Es ist mir deshalb unbegreiflich dass gerade Breuninger, die Stadt Stuttgart, und der Staat Württemberg die vergangenen NS Verbrechen mit dem Abbau dieses Hotels einfach unter den Teppich schieben wollen. Ist es wirklich Ihre Absicht dass Stuttgarter in ein paar Jahren keine Spur von allem was geschah mehr finden werden?
14 Initiativen schlossen sich bereits zusammen um diesen Abbau zu verhindern, und anstatt eine Gedenkstelle im früheren Hotel Silber zu errichten. Sie soll als Denkmal, Lern- und Forschungsort fortan dienen. Das wäre eine Lösung die grössere Städte wie Berlin, München und andere schon längst gefunden haben. Ich kann mir, ehrlich gesagt, nicht vorstellen dass Stuttgart, und der Staat Württemberg so gewissenslos sind dass sie bis jetzt noch keine Gedenkstätte oder Museum haben, und diese schreckliche Vergangenheit einfach vergessen wollen.
Ich liebe Stuttgart trotz allem was uns angetan wurde, und war schon öfters wieder dort. Ich erwarte von Ihnen, und allen die sich an dieser Stadtveränderung beteiligen, dass Sie das Hotel Silber nicht zerstören, und sich ausserdem dazu verpflichten diese frühere Gestapozentrale als Gedenkort zu erhalten. Es wird trotzdem genug Platz für neue Gebäude aller Art übrig bleiben.
Charlotte Isler
Charlotte Isler
lebt in New York. Ihr Bruder Ernst Nussbaum lebt in Bethesda/USA. Ernst Nussbaum war Klassenkamerad des früheren Stuttgarter Bürgermeisters Rolf Thieringer am Karlsgymnasium. Die beiden sind Enkel von Sigmunde Friedmann, die im August 1942 nach Theresienstadt deportiert wurde, wo sie 1944 starb. An sie erinnert seit März 2008 in der Hohenstaufenstraße 17A ein Stolperstein. Mehr zu ihrer Geschichte und ihrem Schicksal können Sie erfahren auf der Website der Stolpersteininitiativen (Link: http://www.stolpersteine-stuttgart.de/index.php?docid=405).





