Richard Pick
Friday, March 26, 2010 5:33 PM
Subject: Re: Hotel Silber
Liebes Fraeulein L.,
Gewiss erinnere ich mich leider nur zu gut an das "Hotel Silber" wo sich das beruechtigte Hauptquartier der Gestapo befand. Ich arbeitete von 1939 bis zu meiner "Auswanderung" im Juli 1941 auf der Juedischen Auswandererstelle fuer Wuerttemberg und Hohenzollern, welche von der Gestapo - Inspektor Koch - ueberwacht wurde.
Julius Baumann, fuer den Sie in meinem Namen einen Stolperstein setzten, wurde im Jahr 1941 von der Gestapo verhaftet, geschlagen, nach Mauthausen tranportiert wo er ermordet wurde.
Ich selbst musste mich bei Inspektor Koch "abmelden". Zwei Meter for seinem Schreibtisch musste ich stramm stehen. "Jude Richard Israel Pick meldet sich zur Auswanderung, Herr Inspektor" sagte ich als 20-jaehriger mit bewegter Stimme. "Jude, warum willst Du auswandern? Gefaellt es Dir etwa nicht in Deutschland?" fragte er mich.
Ich glaube ich wurde rot im Gesicht und zitterte innerlich, denn was ich auch geantwortet haette, so oder so, haette mich in eine Zwickmuehle gebracht.
"Wohin willst Du auswandern?" - "Nach Liberien, Herr Inspektor". Inspektor Koch machte eine fragende Miene "Wo ist Liberien?" Ich zeigte es ihm auf der grosen Weltlandkarte welche an der Wand seines Zimmers hing. "Jude, wie wirst Du dorthin kommen?" wollte er wissen.
"Mit dem Schiff von Spanien nach Monrovia, der Hauptstadt Liberiens, Herr Inspektor". -
Noch immer standen wir vor der Weltlandkarte.
"Dann wirst Du doch auch die Englaender in Gibraltar sehen" draengte er weiter. "Das weiss ich nicht, Herr Inspektor".
Ich glaube meine Beine fingen schon an zu schlottern als Koch zu mir sagte "Abtreten Jude Pick!"
Karl Adler, zu jener Zeit war der Leiter der oben erwaehnten Auswandererstelle und befand sich des oeftern auf der Gestapo um fuer irgend einen juedischen Buerger ein Gesuch einzureichen, welches meist nicht genehmigt wurde
Das "Hotel Silber" ist mit so viel tragischer Stuttgarter juedischen Geschichte verbunden, und damit indirekt auch mit der deutschen Geschichte, dass man das Gebaeude als Mahnmal fuer zukuenftige Generationen unbedingt erhalten muss.
Gerne stehe ich ihnen jederzeit zur Verfuegung, denn Ueberlebende der Nazizeit, werden tagtaeglich weniger und es ist meines Erachtens nach wichtig, dass man die Erinnerung fuer zukuenftige Generationen wach haelt.
Ich wuensche ich Ihnen alles Gute, persoenlich und fuer Ihren Einsatz fuer diese Sache und wuerde mich freuen, wenn Sie meinen kleinen Beitrag zu dieser Sache an die betreffenden Stellen weiterleiten koennten.
Mit herzlichen Gruessen,
Ihr
Richard Pick
Richard Pick
lebt in Mexico. Er ist der Sohn von Paul und Emma Pick. Beide wurden 1941 über Theresienstadt nach Riga deportiert, wo sie 1944 ermordet wurden. Für sie wurden 2008 Stolpersteine in der Augustenstraße 39 B verlegt. Auf der Website der Stolpersteininitiativen berichtet Richard Pick über das Schicksal seiner Familie. (Link: http://www.stolpersteine-stuttgart.de/index.php?docid=406 ) Richard Picks Großmutter mütterlicherseits, Lina Baum wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert und 1944 in Auschwitz ermordet. An sie erinnert seit 2008 auf dem Stuttgarter Marktplatz 19 ein Stolperstein.





