An:  Dr. Wolfgang Schuster, Oberbuergermeister der Stadt Stuttgart

        Stephan Mappus, Minister Praesident von Baden Wuerttemberg

        Herrn Willem v. Agimael, Firma Breuninger

        Herrn Helmuth H. Bohnensatengel, Firma Breuninger

 

Von:  Walter E. Marx

          USA

 Bei einem kuerzlichen Besuch in Stuttgart erfuhr ich dass das beruechtigte Hotel Silber, das in der Nazizeit als Gestapozentrale diente, in Kuerze abgerissen werden soll im Zusammenhang mit einer Erweiterung des Kaufhaus Breuninger und der Neuerrichtung eines Luxus=Hotels.

Obwohl ich das Glueck hatte mit 14 Jahren im Februar 1940 das damals mir drohendes Deutschland verlassen zu koennen, war es mir trotzdem gewahr wie dieser Platz nicht nur  von den Stuttgarter Juden sondern auch von allen anderen Gegner des Nazi-Regimes gefuerchtet war. Ich glaube es war dorthin wo ich Ende September 1939  am "Yom Kippur, dem Tag der Versoehung und hoechsten juedischen Feiertag des Jahres, unser geliebtes Radio bringen musste nachdem die Gestapo gerade diesen Tag heraussuchte fuer den Befehl dass Juden ab sofort solche Geraete nicht mehr besitzen duerften. Das Gefuehl der Beschaemung mit dem ich, zusammen mit Margit Oppenheimer, unserer damaligen Haustochter, das auf ein klenes "Handwaegele" gepackte Radio von Cannstatt nach Stuttgart zu schleppen musste, (Benuetzung der Strassenbahn fuer diesen Zweck war streng verboten) wacht heute noch in tiefer Erinnerung.

Es war auch zum "Hotel Silber " wo sich mein Onkel, Leopold Marx, der nach dem damaligen Palaestina ausgewanderte Dichter und Schriftsteller, an dem Montagmorgen folgend der Kristallnacht sich stellen musste nachdem er uebers Wochenende bei meiner Barmitzvah Feier im juedischen Landschulheim Herrlingen anwesend war. Dort wurde ihm sein Mercedes Auto abgenommen, und er wurde dann direkt ins KZ Dachau transportiert.

Auch mein Onkel, Professor Karl Adler, der fuer einige Jahre bis zu seiner Auswanderung in 1940 als Leiter der juedischen Mittelstelle wirkte, wird sicher viele, oft gefaehrliche Stunden in diesem Gestapo-Hauptquartier verbracht haben als mutiger Vertreter juedischer Interessen gegenueber den Nazi-Behoerden.

Das gleiche gilt auch fuer seinen Nachfolger, meinen Onkel, Oberlandesgerichts-Praesident Alfred Marx der den Posten unter noch viel schlimmeren und traurigen Umstaenden weiterfuehrte bis er er selbst zuletzt im Februar 1945 deportiert wurde.

Um diese Erinnerungen sowohl als auch die Erinnerung an die zum Teil namenlosen Opfer die dort gelitten hatten wach zu halten, ist es von groesster Wichtigkeit dass das Hotel Silber Gebaeude erhalten bleibt. Ich koennte mir gut vorstellen dass es als ein  idealer Platz entwickelt werde koennte, wo nicht nur an die ueble Vergangenheit  erinnert wird, sondern auch wo die Verstaendigung unter Menschen von verschiedener religioesen und geographischer Herkunft gepflegt wird. Ausserdem koennte der Platz vielleicht zu einer Dauerausstellung dienen wo der Beitrag der juedischen Mitbuerger zur Geschichte der Stadt Stuttgart lebendig gemacht wird.

Ich glaube es gibt eine ganze Anzahl von Organisationen in Stuttgart und durchaus Wuerttemberg-Baden die an einem solchen Programm gern behilflich sein wuerden.

Es waere auch erfreulich wenn die Stadt Stuttgart, die auf andere Weise vieles getan hat um uns alte Schwaben wieder zuhause fuehlen zu lassen, sich anderen deutschen Grossstaedten anschliessen wuerde mit der Gruendung einer Gedenkstaette an die Opfer der Nazi-Zeit.

Ich danke Ihnen in Erwartung Ihrer Aufmerksamkeit und freundlicher Beachtung dieser Zeilen.

 

Mitr freundlichen Gruessen,

Walter Marx

 
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