Die Rede von Fritz Endemann
Eugen Bolz und das „Hotel Silber“
Das „Hotel Silber“ ist der authentische Ort der Erinnerung an die Opfer der Stuttgarter Gestapo 1933-1945 – Erinnerung an eine unbekannte Zahl von Morden, Erinnerung an ungezählte Verhaftungen und Verhöre, Folterungen und Erniedrigungen, Qualen jeder Art.
Das ist weitgehend schon im öffentlichen Bewusstsein.
Das „Hotel Silber“ ist auch der Ort der Erinnerung an ein exemplarisches Ereignis aus der frühen Zeit der NS-Diktatur, als eine fanatisierte Menge auf einen führenden Repräsentanten der Weimarer Republik und des demokratischen Württemberg losgelassen wurde und dieser mit bewundernswertem Mut und Würde ihr gegenüber trat. Gemeint sind die Vorgänge bei der Verhaftung und dem Abtransport des ehemaligen württembergischen Staatspräsidenten Eugen Bolz am 19.Juni 1933.
Eugen Bolz, geboren 1881, gläubiger Katholik aus Rottenburg, war schon vor dem 1.Weltkrieg Reichtags- und Lantagsabgeordneter der Zentrum-Partei, gehörte viele Jahre der Regierung Württembergs als Justiz- und Innenminister an und wurde 1928 zum württembergischen Staatspräsidenten (Regierungschef) gewählt. Nach der Reichtagswahl vom 5.März 1933 und der entsprechenden Umbildung des württembergischen Landtags wurde Bolz durch den Nationalsozialisten Wilhelm Murr aus dem Amt verdrängt.
Auf den 19.Juni 1933 wurde Bolz, aus Anlass seines Auftretens auf dem Parteitag der christlich-sozialen Partei Österreichs in Salzburg, von der Gestapo ins „Hotel Silber“ vorgeladen. Er ging allein zu Fuß dorthin, seiner Frau hatte er gesagt: „Du wirst sehen, ich komme nicht zurück.“
Was an diesem Tag vor dem „Hotel Silber“ geschah, sei hier mit den Worten des Biographen Max Miller (Eugen Bolz. Staatsmann und Bekenner, Schwaben Verlag Stuttgart 1951, S. 458 ff. ) wiedergegeben:
Um die Mittagszeit begann sich der Platz vor dem Gebäude mit jungen Leuten, die offenkundig herbeordert waren, und mit nie-fehlenden Neugierigen zu füllen. Wohl- eingeübte Sprechchöre stießen die Rufe aus: „Heraus mit dem Landesverräter“, „Nieder mit dem Landesverräter“, „Landesverräter sollen aufgehängt werden“. Immer mehr Menschen wurden herbeigezogen, sodass auch die anschließenden Plätze dicht gefüllt waren, immer lauter und häufiger wurde das Geschrei, immer stärker die Spannung und Erregung. „Gegen ein Viertel vor Dreizehn Uhr“, berichtet ein Augenzeuge, „öffneten sich plötzlich die Türen des Gebäudes und Bolz erschien auf der Schwelle, hinter ihm SA- und SS-Führer. Festen und ruhigen Blickes überschaute er die Masse auf der Straße. Wie gebannt hielt sie einige Augenblicke inne und selbst die wüstesten Schreier schwiegen. Da stand nun der Mann, den sie als Landesverräter beschimpft hatten, aufrecht und unerschrocken, gleichsam fragend: Was habt ihr gegen mich vorzubringen? Selbst in dieser Stunde imponierte er ihnen noch.“
Erst als er das bereitgestellte Polizeiauto bestieg, brach die Furie los. Die Menge drängte mit wüstem Geschrei heran. Einzelne stiegen auf die Trittbretter, schrien und spukten den im Wagen sitzenden Altstaatspräsidenten an und schlugen ihn mit Fäusten.
Da die Lage bedrohlich wurde, zog einer der SA-Führer die Pistole und hob sie wie zum Schutze gegen die Angreifer. Die das Auto Umdrängenden wichen zurück und der Wagen konnte anfahren. Während er sich mühsam durch die dichte Menge kämpfte, wurde Bolz mit Pferdemist, faulen Eiern und Kohlestücken beworfen. Die Verfolger ließen erst ab, als der Wagen am Charlottenplatz vorbei in die Planie einbog und Richtung Schloßplatz davonfuhr.
Bolz wurde auf den Hohenasperg gebracht und erst am 12.Juli 1933 freigelassen.
Eugen Bolz gehörte später dem Widerstandskreis des 20.Juli 1944 an, er war von Goerdeler für ein hohes Regierungsamt vorgesehen. Am 12.August 1944 wurde er verhaftet, am 21.Dezember 1944 vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und am 23.Januar 1945 in Berlin-Plötzensee hingerichtet. An den Widerstandskämpfer Eugen Bolz erinnert in Stuttgart die Eugen-Bolz-Strasse und ein Denkmal an der nördlichen Ecke des Königsbaus (von dem österreichischen Bildhauer Hridlicka).
Der Erinnerungsort „Hotel Silber“ soll hier nicht gegen das vorhandene Denkmal für den Widerstandskämpfer Eugen Bolz ausgespielt werden. Die Szenen vor dem „Hotel Silber“ haben eigenen hohen Symbolwert für die erste Phase der NS-Diktatur in Württemberg und darüber hinaus. Hier inszenierten die Nazis ihre „Abrechnung“ mit der Demokratie in aller Öffentlichkeit durch Mobilisierung einer großen fanatisierten Menge, die nach dem in der Landesmedienanstalt erhaltenen Foto überwiegend bürgerliches Gepräge hatte. Ein früher hochgeachteter, katholisch-konservativer Politiker wurde von Stuttgarter Bürgern auf das Übelste beschimpft und lebensgefährlich bedroht. Es dürfte nur wenige öffentliche Auftritte dieser Art im beginnenden Nazi-Reich gegeben haben. Für die Stuttgarter und württembergische Geschichte jedenfalls ist der Vorgang von herausragender Bedeutung.
Die Erinnerung an diese Szenen hat in und vor dem „Hotel Silber“ ihren authentischen, d.h. zeugnishaften öffentlichen Ort. Beseitigt man diesen, so verflüchtigt sich die Erinnerung in Archive und Bibliotheken, vielleicht in ein Museum. Geschichte – und gerade die der deutschen Diktatur braucht ihre Orte, ihre Schauplätze, um im öffentlichen Bewusstsein lebendig zu bleiben.
Nach Eugen Bolz sind Straßen und Plätze, Schulen und Versammlungsstätten benannt. Was ist diese Erinnerung wert, wenn der reale Ort seines Leidens, aber auch seines Mutes und seiner Würde – aus kommerziellen Gründen – beseitigt wird?
Anmerkung:
Das genannte Foto ist im Ausstellungskatalog Stuttgart im Dritten Reich. Die Machtergreifung. Stuttgart 1983 S.307 nebst zeitgenössischem Zeitungskommentar veröffentlicht.
Hinzuweisen ist auf eine neue Biographie: Frank Rahberg, Eugen Bolz. Zwischen Pflicht und Widerstand. DRW Verlag, Leinfelden-Echterdingen. 2009
Fritz Endemann






