Die Rede von Harald Stingele

Rede bei der Gedenkveranstaltung für Eugen Bolz am 19. Juni 2010 vor dem Hotel Silber

Sehr geehrte Damen und Herren,

anlässlich der Eröffnung der Gedenkstätte für das KZ-Außenlager Echterdingen schrieb Thomas Faltin vor zehn Tagen in der Stuttgarter Zeitung:
„Bis heute ist das Trauma der Verfolgung und der Tod ihres Vaters eine große Wunde im Leben von Ellen Perry. Denn das vergisst man leicht: Für die meisten ist der Holocaust Geschichte – für die Überlebenden und viele Angehörige aber ist er Teil ihrer Gegenwart. Der Schmerz hört nie ganz auf.“

Für Walter MarxCharlotte Isler und Richard Pick, deren Briefe Sie gerade gehört haben, verbindet sich dieser Schmerz untrennbar mit dem Gebäude, vor dem wir stehen, mit dem Hotel Silber. Sie teilen diesen Schmerz mit Thomas Nägele und Henry Kandler, mit Ernst Nussbaum und Ernst Sondheimer, mit Lieselotte Fessler und Erica Hecht Kanter und vielen anderen vor den Nazis geflohenen ehemaligen Stuttgarterinnen und Stuttgartern.  Sie alle haben aus den Vereinigten Staaten, aus England und Frankreich, aus Brasilien und Mexiko an den Oberbürgermeister Stuttgarts und an den Ministerpräsidenten Baden-Württembergs appelliert, diesen Ort nicht zu zerstören. Sie teilen diesen Schmerz mit Caroline Hatje, deren Großmutter nach der Haft in diesem Gebäude ins Vernichtungslager deportiert wurde. Sie teilen diesen Schmerz mit Heinz Hummler, dessen Vater hier gefoltert wurde. Ich grüße die beiden, die hier bei uns sind, herzlich. In ihren Erinnerungen liegt die wahre Authentizität dieses Gebäudes.

Sie alle beobachten sehr genau,  wie die politisch Verantwortlichen mit diesem Haus umgehen werden und wie sich die Stuttgarter Bürgerinnen und Bürger dazu verhalten. Werden sie die seit Kriegsende anhaltende Politik der Verdrängung und Vertuschung der Stuttgarter und Württemberger NS-Geschichte mit dem Abriss des Hotel Silber vollenden? Erinnern wir uns: bald nach Kriegsende zieht die Kripo ein und für Sinti, Homosexuelle und Kommunisten geht hier die Verfolgung weiter - oft durch dieselben Akteure wie in der NS-Zeit. Die Wände zwischen den Zellen werden herausgerissen und übertüncht. Aus dem Schießstand im Keller wird die Kantine, hier wird  nun gefuttert und gefeiert. Die Schreibtische in den oberen Stockwerken erzählen ohnedies nicht, welche Verbrechen an ihnen organisiert wurden. 1976 verkauft die Stadt das Gebäude ohne irgendwelche Auflagen ans Land. Stimmen wie die von Eugen Eberle oder der Jusos, die eine Gedenkstätte fordern, werden überhört. Das Finanzministerium, das hier jetzt Büros bezieht, weigert sich außen am Gebäude eine Gedenktafel anzubringen. Nur innen gibt es einen Hinweis. Kein Wunder, dass die Geschichte des Hauses  aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwindet.  Und genau dieses provozierte Vakuum an Spuren und an öffentlichem Bewusstsein wird nun als Argument für den Abriss angeführt. Ist das nicht grotesk?

Wie also werden sich die politisch Verantwortlichen entscheiden? Werden sie den zentralen Ort der NS-Verbrechen in Stuttgart „zynisch entsorgen“, wie die FR formulierte? Werden sie dem alten Schmerz der Angehörigen einen neuen Schmerz hinzufügen? Eine stillschweigende Lösung ist längst nicht mehr möglich. Thomas Borgmann hat es Ende März auf den Punkt gebracht: „Alle Seiten befürchten, der Abbruch des Hotels Silber könnte Stuttgart als eine Stadt erscheinen lassen, die das Dritte Reich kaltherzig verdrängt. Ein Ausweg aus diesem Dilemma ist gegenwärtig nicht in Sicht.“

O doch, hier widerspreche ich. Der Ausweg ist ganz einfach. Die Projektbetreiber könnten an die Öffentlichkeit gehen und sagen, wir haben einen Fehler gemacht. Wir sind souverän genug dies einzuräumen. Wir waren zu schnell, wir wussten zu wenig  von der Bedeutung dieses Hauses für die Stadtgeschichte, jetzt wissen wir es. Wir haben dazu gelernt, wir haben noch einmal nachgedacht. Wir werden das Hotel Silber nicht abreißen lassen. Wir werden die Nachkriegsgeschichte der Verdrängung und Verleugnung nicht fortsetzen. Wir werden die einmalige Chance ergreifen, hier einen Ort zu schaffen der aktiven Auseinandersetzung mit der konkreten Geschichte Stuttgarts und Württembergs in der Nazi-Zeit und mit dem lange vertuschenden Umgang damit. Einen Ort der Erinnerung, der sich nicht in Betroffenheitsritualen erschöpft. Einen Ort, in dem Fachleute mit engagierten Bürgerinnen und Bürgern  zusammen die vielen unbearbeiteten Kapitel der NS-Geschichte Stuttgarts und Württembergs erforschen. Einen Ort, der gerade auch das bürokratische Funktionieren des NS-Systems durchschaubar macht und es nicht reduziert auf Grausamkeiten in Folterkellern und Lagern. Einen Ort, der die Geschichte für junge Menschen erfahrbar macht, in der kommenden Zeit, wenn Zeitzeugen ihnen bald keine Auskünfte mehr geben können. 

Wir – könnten die Projektbetreiber sagen – haben auch über unsere eigene Geschichte nachgedacht. Ich, könnte Willem v. Agtmael sagen, war schockiert, als ich eingestehen musste, dass ich seit 35 Jahren die Firma Breuninger leite und nichts wusste über die Verstrickung meines Vorgängers Alfred Breuninger in die NS-Verbrechen. Ich ziehe daraus die Konsequenz und stelle Mittel für die Stiftung des NS-Dokumentationszentrums zur Verfügung, damit die dunkle Geschichte meiner Firma aufgeklärt wird. Und ich werde andere Firmen auffordern, sich diesem Schritt anzuschließen. Das bin ich als Niederländer Anne Frank schuldig. Ich, könnte Stefan Mappus sagen, war schockiert, als mir bewusst wurde, dass erst durch die „Spur der Erinnerung“ und durch das von engagierten Bürgern produzierte Buch „Stuttgarter NS-Täter“ die Beteiligung der Landesministerien an den NS-Verbrechen öffentliche Aufmerksamkeit erfuhr. Es beschämt mich, dass das Land bis heute die Zusammenarbeit der Finanzbehörden mit der Gestapo bei der Ausplünderung der jüdischen Bevölkerung, bei der Vernichtung ihrer materiellen Existenz nicht gründlich aufgearbeitet hat. Es beschämt mich, dass daran im Hotel Silber, wo Beamte des Finanzministeriums arbeiten, nicht erinnert wird. Ich ziehe daraus die Konsequenz und werde mich für die Erforschung und Darstellung dieses Teils der Landesgeschichte im zukünftigen NS-Dokumentationszentrum stark machen – auch finanziell. Ich breche mit der beschönigenden Haltung meines Vorgängers. Das bin ich Eugen Bolz schuldig.

Wir - könnten die Projektbetreiber sagen – haben auch noch einmal über unsere Verantwortung für die Stadtkultur und die Stadtentwicklung Stuttgarts nachgedacht. Die Beharrlichkeit, mit der sich inzwischen 21 Vereinigungen und Organisationen in der Initiative Hotel Silber für das Gedächtnis Stuttgarts und Württembergs engagieren, hat uns beeindruckt. Wir nehmen sehr ernst, dass über 3000 Bürgerinnen und Bürger Stuttgarts sich für den Erhalt des Hotels Silber einsetzen und wie viele Künstler und Wissenschaftler aus ganz Deutschland gegen den Abriss Stellung bezogen  haben. Die lebhafte Auseinandersetzung in der Stuttgarter Öffentlichkeit, auch in den Parteien und Fraktionen des Gemeinderats und des Landtags, hat uns beschäftigt.  Wir haben auch die Stimmen der Stuttgarter Architekten im Städtebauausschuss gehört, die im April darauf hinwiesen, dass eine größere Differenzierung der Baumasse dem Quartier gut täte und dass schon aus diesem Grund die Erhaltung des Hotels Silber städtebaulich wünschenswert wäre. Wir haben unseren Architekten Herrn Behnisch gebeten, den Entwurf so zu überarbeiten, dass das erhaltene Gebäude Dorotheenstraße 10 in gewolltem Kontrast zum modernen Neubaukomplex den historischen Bruch in der Stadtgeschichte erfahrbar macht, gleichsam wirken wird wie ein riesiger Stolperstein, an dem die Stuttgarter Geschichte des 20. Jahrhunderts abgelesen werden kann. 

Und wir haben auch noch einmal gerechnet, würden die Projektbetreiber ausführen. Natürlich, würde Willem v. Agtmael betonen, muss ich rechnen als Geschäftsmann. Aber wir haben nicht gut genug gerechnet. Uns ist inzwischen bewusst, welche wirtschaftlichen Effekte etwa das Kölner Dokumentationszentrum hat, dass jährlich 200.000 Besucher diesen Ort aufsuchen, dass sie anreisen aus den Nachbarländern, aus den Niederlanden, aus Belgien, aus Frankreich. Dass sie während ihres Besuches essen, trinken, einkaufen, übernachten. Dass ein solches Zentrum also zum Standortfaktor werden kann. Und dass außerdem Unermessliches für den Ruf, für den guten Namen der Firma Breuninger, der Stadt und des Landes bewirkt werden könnte.

Mag sein, dass ich träume. Aber mein Vorbild sind Menschen, die den Mut hatten zu träumen, die an die Lernfähigkeit des Menschen glaubten, die mit ihren Träumen neue Wirklichkeiten schufen. Die Nachricht von einer solchen Pressekonferenz der Projektbetreiber wäre ein Feiertag für Stuttgart.  Viele würden sagen,  sicher auch Walter Marx und Charlotte Isler in New York und Richard Pick in Mexico,  sicher auch Caroline Hatje und Heinz Hummler in Stuttgart, diese Firma, diese Stadt und dieses Land  haben sich ihrer Geschichte gestellt und sind buchstäblich über ihre Schatten gesprungen. Der Schmerz würde deshalb nicht aufhören, aber aus dem Schmerz könnte Neues entstehen.

Harald Stingele

 

 

 

Die Rede als Audiodatei, Teil 1

Die Rede als Audiodatei, Teil 2

 
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