Die Rede von Janka Kluge

Die KZ´s der Stuttgarter Gestapo-Leitstelle

(Rede zur  Hotel Silber in Stuttgart am 19.6.2010)

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir sind hier heute zusammengekommen um an die Verhaftung von Eugen Bolz zu erinnern. Er steht für  tausende, wahrscheinlich zehntausende die zwischen 1933 und 1945 in das Hotel Silber zum Verhör gebracht worden sind. Wenn die Gestapo ein Verhör für beendet erklärt hat, begann meist eine jahrelange  Haftzeit in Konzentrationslagern und Zuchthäusern.

Die Politische Polizei in Württemberg war schon vor der Reichstagswahl im März 1933 darauf spezialisiert Kommunisten zu verfolgen. Zwei Daten aus der Woche vor der Reichstagswahl am 5. März 1933 stehen für viele andere.  Am 2. März plant die KPD in Stuttgart eine große Kundgebung in der Stadthalle.  Sie war als Teil des Wahlkampfes der KPD geplant.  Die poltische Polizei in Stuttgart verbot die Kundgebung. Auf Antrag der Reichsregierung beschlagnahmt die württembergische Politische Polizei Flugblätter, Zeitungen und andere Schriften der KPD. Zwei Tage später sprengte die politische Polizei eine geheime Tagung der württembergischen  KPD. Mehrere Funktionäre werden verhaftet.

Vorausgegangen war der Reichstagsbrand in der Nacht vom 27. / 28. Februar.  Diese Brandstiftung war für die Nazis der ideale Anlass um mit der „Reichsbrandverordnung“  den Wahlkampf der KPD zu verbieten und den der SPD zu erschweren.

Nach der Reichstagswahl am 5. März machte der neue faschistische Staat Ernst mit der Verfolgung von politischen Gegnern, so nimmt die Politische Polizei allein in der Nacht vom 10. / 11. März in Stuttgart 200 Mitglieder der KPD fest und nimmt sie in Schutzhaft.  Am selben Tag werden 100 Mitglieder der SA und SS zur Hilfspolizisten berufen.

Hermann Göring hatte als preußischer Ministerpräsident bereits im April 1933 die Gestapo gegründet. Gleichzeitig  gründete Heinrich Himmler in München die Bayrische Politische Polizei unter Führung von Heydrich. Dieses System der Politischen Polizei wurde reichsweit umgesetzt nachdem Himmler das neugeschaffene Amt „Politischer Polzeikommandeur der Länder“ innehatte.

Ziel der neuen Regierung ist es eine einheitliche von oben nach unten strukturierte Polizeibehörde zu schaffen. Mit der Gründung des „Geheimen Staatspolizeiamts“ in der Berliner Prinz Albrecht Straße ist dieses Amt geschaffen. Die „Gestapa“ ist gegenüber allen Politischen Landesbehörden weisungsbefugt. In dem ersten Erlass heißt es ausdrücklich.

„Seine Aufgabe besteht darin, durch eigene  Vollzugsbeamte, mit Hilfe von Außenstellen für de einzelnen Landespolizeibezirke (Staatspolizeistellen) und mit Unterstützung der ordentlichen Polizeibehörden alle staatsgefährlichen politischen Bestrebungen im gesamten Staatsgebiet zu erforschen, das Ergebnis der Erhebungen zu sammeln und auszuwerten. (…) Außerdem ist das  Geheime Staatspolizeiamt befugt im Rahmen seiner sachlichen Zuständigkeit andere Polizei-Behörden um polizeiliche Maßnahmen zu ersuchen und mit Weisungen zu versehen.“1

Am  12. Mai setzte das württembergische Innenministerium  die Anweisungen von Berlin um. Sie wies der neugegründeten „Württembergischen Politischen Polizei“ die Aufgaben zu, die bis dahin die Politische Polizei in Stuttgart inne hatte. Das neugegründete Polizeiamt ist gleichzeitig das Landeskriminalamt.

Das wichtigste Instrument zur Unterdrückung der politischen Opposition von 1933 bis zur Befreiung 1945 war die Möglichkeit der politischen Polizei Schutzhaft zu verhängen. Die Anordnung  musste lediglich formal in Berlin bei der Gestapa beantragt werden mit Einschätzung, dass eine Person weiterhin dem Dritten Reich distanziert gegenüberstehe. Die meisten Widerstandskämpfer und –kämpferinnen,  sind aufgrund solch eines Schutzhaftbefehls auf Jahre hin in Konzentrationslagern verschwunden.

Es war keineswegs so, dass die politische Polizei ihre gesamte Arbeit im geheimen verrichtet hat und niemand etwas mitbekommen hat.  Als am 13. Juni 1933 der ehemalige Landtagspräsident und Vorstandsmitglied der SPD, Albert Pflüger und Erich Roßmann, der Landesvorsitzende der SPD verhaftet wurden ist in der Presse eine Erklärung abgedruckt worden. In ihr heißt es: „Diese Maßnahme gilt zugleich als Warnung an alle übrigen ehemalige und gegenwärtige Hetzer und geistige Drahtzieher.“2

So wie sie kamen tausende Regimegegner in das KZ Heuberg, in dem Truppenübungsplatz Stetten auf der Schwäbischen Alb eingerichtet. Dieses erste Konzentrationslager in Württemberg unterstand direkt dem Innenministerium. Diese hat die Aufgabe an die Politische Polizei von Württemberg delegiert, so dass diese Vorgängerorganisation der Gestapo hier im Hotel Silber für das KZ zuständig war. Zwischen März und Dezember 1933 waren hier mehr als 2000 Männer inhaftiert.  Die meisten von ihnen waren Mitglieder der SPD und der KPD. Das Lager Heuberg war auf einem Truppenübungsplatz eingerichtet. Mit der Militarisierung des faschistischen Deutschlands  wurde das Gelände von der Wehrmacht wieder benötigt. Das Innenministerium suchte ab Sommer 1933 ein neues Gelände für ein zentrales württembergisches KZ. In einem  Brief des württembergischen Innenministeriums an die Oberämter hieß es: „Die Verlegung des Schutzhaftlagers Heuberg, das 400 württembergische Schutzhäftlinge enthält. Ehe ich eine Entscheidung treffen gebe ich den Ober-Amtskörperschaften die Gelegenheit sich zu äussern, ob in Bezirken Unterkunfts- und Arbeitsmöglichkeiten für die Gefangenen bestehen, wobei ich darauf hinweise, dass die Anwesenheit von 400 Gefangenen in der Umgebung einen beachtlichen wirtschaftlichen Vorteil bedeuten“3

Ein KZ als wirtschaftlicher Standortvorteil, so jedenfalls  sah es dass Innenministerium.

Leiter des KZ`s war Karl Buck. Er wurde von der Politischen Polizei hier im Hotel Silber eingesetzt. Buck war ein überzeugter Nationalsozialist, der bereits 1931 Mitglied der NSDAP und der SA wurde.

Nachdem das KZ Heuberg geschlossen wurde und die  fast 300 Gefangenen in das neue zentrale württembergische Konzentrationslager  Oberer Kuhberg in Ulm gebracht wurden, war er auch dort Kommandant.  Als die Wehrmacht auch die Verfügung über die Festung Ulm beanspruchte wurde das KZ am 16.März 1935 aufgelöst. Die meisten von den Gefangenen wurden freigelassen. 50 Häftlinge kamen nach Dachau.

Im gleichen Jahr übernahm die Gestapo das Amtsgerichtsgefängnis Welzheim. Buck, der auch hier wieder Kommandant war, sagte über die Gründung vor Gericht: „ Ich selbst habe den Gedanken des Lagers von Welzheim befürwortet, um die Leute bevor sie ins KZ kommen und ein Schutzhaftbefehl von berlin verlangt wurde, noch einmal in Welzheim zu überprüfen.“ Himmler ordnete an, dass zur Täuschung des Auslands, diese Lager nicht die Bezeichnung  Konzentrationslager führen durften. Sie wurden offiziell unter dem Namen Schutzhaftlager geführt. In Welzheim gab es eine Schreinerei und eine Schneiderei. Hier ließen sich Stuttgarter Gestapo-Beamte und Mitglieder der SS und der SA aus Stuttgart billige Uniformen schneidern. 1941 teilte die Gestapo-Leitstelle dem Lagerleiter Hemann Eberle mit er solle die Exekution polnischer Gefangener vorbereiten. Buck war zu diesem Zeitpunkt bereits Kommandant des Lagers Schirmeck im Elsass. In der Schreinerei wurde daraufhin ein Galgen gezimmert. Eberle sagte am 28.September 1949 vor der Spruchkammer in Ludwigsburg aus, dass die Häftlinge von der Gestapo Stuttgart eingeliefert wurden. Sie war es auch, die den Befehl zum Mord gegeben hat. Es gab kein Gerichtsverfahren und kein Urteil. Sie wurden in einem in der Nähe liegenden Steinbruch erhängt. Zur Abschreckung wurden polnische Zwangsarbeiter aus der Gegend zu den Hinrichtungen gefahren und die Anklage extra auch auf polnisch verlesen. Im März 1945 erhielt Eberle, den telefonischen Befehl von dem Gestapo-Beamten Mauch, dass auf Befehl von Gestapo-Chef Mussgay fünf russische Häftlinge gebracht werden. Sie sollen dort erschossen werden. Am 27 März 1945 wurden sie ebenfalls im Steinbruch durch Genickschuss hingerichtet. Heinrich Himmler hatte den Befehl gegeben, dass kein KZ-Häftling lebend in die Hände der Alliierten fallen sollten. Mitte April 1945 wurde das Lager Welzheim evakuiert.

Weibliche Gefangene aus Stuttgart kamen zuerst in das Frauengefängnis in der Weimarstraße im Stuttgarter Westen. Ende März 1933 mußten sie in das Frauengefängnis Gotteszell in Schwäbisch Gmünd. Dort hatte die Gestapo eine eigene Schutzhaftabteilung eingerichtet.  Diese erste Frauen KZ in Württemberg bestand bis Januar 1934. Danach wurden die gefangenen Frauen in die neu eingerichteten Frauen-KZ´s Moringen, Lichtenburg und Ravensbrück gebracht. Auch wenn die Schutzhaftabteilung  offiziell  1934 geschlossen wurde, blieb Gotteszell die Haftanstalt in die Frauen, die in Schutzhaft kamen erst einmal gebracht wurden.

Im April 1934 konnte sich Himmler im Machtkampf gegen Göring durchsetzen: Er wurde zum Inspekteur der Gestapo in Preußen und Heydrich Leiter des Gestapa. Himmler wurde zusätzlich  zum Reichsführer der SS ernannt, damit war er Chef der deutschen Polizei.  Ein weiterer Schritt zur vollkommenen Kontrolle über die Polizei war die Vereinigung  der Gestapa mit der Kriminalpolizei zum SS-Hauptamt Sicherheitspolizei.  Gleichzeitig  gelang es Heinrich Himmler die Konzentrationslager zentral der SS-Institution „Inspektion der Konzentrationslager“ unterstellt. Damit war sowohl die Leitung der Polizei als auch die Leitung der Konzentrationslager in der gleichen  Hand.  1939 kam es zu einer weiteren Erweiterung der Macht von Himmler.  Im neu gegründeten Reichssicherheitshauptamt wurde die Sicherheitspolizei mit dem Sicherheitsdienst der SS  zusammengeführt.  Dieses Reichsicherheitshauptamt war verantwortlich  für die Einrichtung und Zusammenstellen der Einsatztruppen. Die Einsatztruppen waren im Schlepptau der Wehrmacht in allen besetzten Ländern aktiv. In einer Anweisung an die Wehrmacht über das Verhältnis zwischen Wehrmacht und Einsatztruppen heißt es:  Die „Aufgabe der sicherheitspolitischen Einsatzkommandos ist die Bekämpfung aller reichsfeindlichen  Elemente in Feindesland rückwärts der fechtenden Truppe.“4 Damit war der Befehl für das willkürliche Morden der Einsatzkommandos gegeben. Das Personal setzte sich aus Gestapo-Beamten und Mitgliedern des SD zusammen.  

Aus Stuttgart war beispielsweise Emil Haussmann dabei.  Haussmann trat bereits 1930, im Alter von 19 Jahren, der NSDAP bei. Bis 1937 war er Volksschullehrer, dann wechselte er als hauptamtlicher Mitarbeiter zum Sicherheitsdienst. Er übernahm die Leitung des sogenannten „Judenreferats“ im Oberabschnitt Südwest mit Sitz im Stuttgarter Tagblattturm.  Der Sicherheitsdienst war mehr noch als die Gestapo mit der Bespitzelung der Bevölkerung beschäftigt. Beim Überfall auf Polen war Haussmann Mitglied der Einsatzgruppe VI.  Nach dem Überfall auf Polen blieb er dort und arbeitete in  der „Umwandererzentralstelle“ in Posen. Die “Umwandererzentrale“  war zuständig für die Deportation der polnischen Juden aus dem „Warthegau“ nach Osten. Beim Überfall der Wehrmacht 1941 auf die Sowjetunion war Haussmann wieder dabei. Diesmal war er beim Einsatzkommando 12 der Einsatzgruppe D. das Kommando mordete hauptsächlich im Kaukasus und in der Ukraine.

Beim Einsatzgruppen-Prozess 1947 war er einer der Angeklagten. Ihm wurde „Verbrechengegen die3 Menschlichkeit“,  „Kriegsverbrechen“ und „Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung“ vorgeworfen. Zwei Tage nach der Überstellung der Anklageschrift nahm er sich das Leben.

Ein weiteres Vorgehen der Gestapo gegen missliebige Menschen waren sogenannte Arbeitserziehungslager. Die Gestapo-Leitstelle hat zwei eingerichtet. Eines in Buttenhausen, einem Dorf auf der Schwäbischen Alb, für Männer und männliche Jugendliche und das andere in Rudersberg.    1942 hat die Gestapo-Leitstelle Württemberg den Gasthof „Zur Ritterburg“  in Rudersberg beschlagnahmt. Die Gestapo errichtete auf dem Gelände ein Frauenerziehungslager .  Die meisten Gefangenen waren Zwangsarbeiterinnen, die sich entweder dem Arbeitszwang verweigert haben, oder Frauen, die mit „Ausländern befreundet“ waren. Einmal in der Woche ging ein Bus, der direkt nach Ravensbrück und  Auschwitz fuhr. In dem Buch „Stationen zur Hölle“ schreibt Julius  Schätzle, der selbst auf dem Oberen Kuhberg inhaftiert war. „Die Frauen und Mädchen, die auf den Transport mußten, wußten, was ihnen bevorstand. Man hörte, daß ihnen dort die Haare abgeschnitten werden, manche wußten auch von den Gaskammern, viele weinten vor Angst. Bei einem dieser Transporte im jahr 1944 waren auch zwei jüdische Frauen. Einer fehlten die Schuhe. Die Aufseherin Waller sagte ihr: „Dort, wo Sie hinkommen, brauchen Sie keine Schuhe mehr.“ Ohne Schuhe mußte diese Frau ihre letzte Fahrt antreten.“5

Am 13. April wird, kurz bevor die Gestapo-Beamten aus Stuttgart fliehen, Else Josenhans, die aus einer bekannten jüdischen Stuttgarter Familie stammt und eine Französin, ein Lette  und eine weitere bis heute unbekannte Person erhängt worden.  Zu den letzten Opfern der Stuttgarter Gestapo gehörten Gottlieb Aberle, Hermann Schlotterbeck und Andreas Stadler. Die drei gehören zur Widerstandsgruppe Schlotterbeck. Einer der letzten Befehle aus der Stuttgarter Gestapo-Zentrale befiehlt ihre Hinrichtung.  Sie wurden nach der Evakuierung des KZ Welzheim  in der Nacht vom 18./19. April 1945 in einem Wald bei Riedlingen von Gestapo-Beamten erschossen. Danach werden die Gestapo mit Geld und falschen Papieren ausgestattet und fliehen.

Viele Gestapo-Beamte konnten nach 1945 bei der Polizei weiterarbeiten. Wenn sie in einem Prozess im Ausland wegen Beteiligung an den Verbrechen der Einsatzgruppen oder anderer nationalsozialitischer Verbrechen verurteilt worden waren durfte in Deutschland kein Verfahren gegen sie eröffnet werden.

Hier in diesem Haus, dem Hotel Silber, sind viele Verbrechen geplant, organisiert und durchgeführt worden. Die Opfer mahnen uns nicht nur „Niemals wieder“, sondern auch dass wir die Verbrechen nicht  vergessen.

© Janka Kluge

5 Julius Schätzle „Stationen zur Hölle – Konzentrationslager in Baden und Württemberg 1933 – 1945“ Röderberg Verlag 1980, S. 46

Redeauszüge als Audiodatei. Teil 1

Redeauszüge als Audiodatei. Teil 2

Redeauszüge als Audiodatei. Teil 3

Redeauszüge als Audiodatei. Teil 4

 
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