GRUNDLAGENPAPIER „Appell der 50 an die GRÜNEN“


1. Mahnmal Hotel Silber

2010, ein vierstöckiges Bürogebäude „Hotel Silber“ in der Dorotheenstraße, wenige Meter entfernt vom Stuttgarter Marktplatz, mitten in der Stadt: Beamte betreten jeden morgen das Gebäude und verlassen es abends.

1940 an der gleichen Stelle, wieder Beamte. Sie grüßen - bevor sie das Gebäude betreten – freundlich vorbei laufende Passanten. Gehen an ihren Schreibtischen und arbeiten. Und abends gehen sie auch nach Haus zu ihren Familien, essen zu Abend und spielen mit ihren Kindern. Was machen diese freundlichen Beamten dort an ihren 250 Schreibtischen?

Sie arbeiteten für die Gestapo. Hier wurde nicht nur verhört, gefoltert und ermordet, sondern hier befand sich das Zentrum der Schreibtischtäter in Württemberg. Von hier aus wurden unter anderen Verfolgungsmaßnahmen geplant, die Deportationen angeordnet und durchgeführt und die Konzentrationslager im Lande eingerichtet. Nach dem Krieg kehrten Schreibtischtäter, nun als „Demokraten“ der städtischen Kriminalpolizei ins von den Alliierten Bombardements wenig beschädigte Hotel Silber zurück. Hier mussten nun Sinti und Roma, Kommunisten und Homosexuelle die Kontinuität der Verfolgung erleben, wurden häufig mit ihren Peinigern der NS-Zeit konfrontiert. Das Hotel Silber wurde in der Nachkriegszeit zum brutalen Ort der Restauration.



2. Abrissvorhaben

1984/85 wird das Land Baden-Württemberg neuer Eigentümer, seit dem arbeiten darin Beamte des Landes. Mittlerweile planen das Land Baden-Württemberg und der Kaufhauskonzern Breuninger am Stuttgarter Karlsplatz ein Bauprojekt mit Landesministerien, einem Luxushotel und Geschäften. Im Zuge dieses Vorhabens soll das Hotel Silber abgerissen werden.

Vom Hotel Silber erhalten bliebe der nun mit Tageslicht durchleuchte Keller, faktisch als eine archäologische Ausgrabungsstelle mit dem obligatorischen Plexiglasdach für die vorbei laufenden Fußgänger. Im Erdgeschoss des Zentrums soll eine Gedenkstätte entstehen geziert mit einen Stück der Sockelfassade. Die Abrissbefürworter argumentieren, der vorgesehene Erhalt des Kellers und die geplante Gedenkstätte im Erdgeschoss des Zentrums sind ausreichend für das Gedenken und Erinnern. Hierzu definiert der GRÜNEN Politiker Dr. Michael Kienzle ein neues geschichtspolitisches Abrissdogma „Erinnerung ist nicht an bestimmte Orte gebunden“. Dieses Dogma soll gerade am Hotel Silber exemplarisch in die Praxis umsetzt werden. Obgleich das Abrissdogma inkonsequent umgesetzt werden soll: Paradoxerweise bliebe der Ort der Wächter, Folterer und Mörder, der Keller erhalten, dieser wird nicht zerstört. Ganz im Gegenteil, er wird mit allen Mitteln der Ausstellungskunst zur Schau gestellt.

Das Abrissvorhaben verfälscht somit den historischen Ort.  Aus der früheren Gestapozentrale „Hotel Silber“ soll eine Gedenkstätte „Dorotheenstraße“ werden. Ausradiert wird aus der Mitte der Landeshauptstadt das vierstöckige Bürogebäude, das Zentrum der Schreibtischtäter. Der dann erhaltene Keller fokussiert die NS Terror- und Todesherrschaft in Württemberg auf die Wärter, Folterer und Mörder. Das Zentrum der Schreibtischtäter wird hingegen zertrümmert. Es geht in Staub auf, genau so wie einst sich die NS Schreibtischtäter nach dem Krieg sich aus dem Staub gemacht haben.



3. Teilabriss

Die Mitgliederversammlung des GRÜNEN Kreisverbandes Stuttgart schließt unterdessen einen Kompromiss zwischen der grünen Stadtratsfraktion, die mehrheitlich für den Abriss ist und der Mitgliedschaft, die den Kompletterhalt wünscht. Der Kompromissbeschluss sieht den Erhalt der von den Alliierten Bombardements nicht zerstörte Bürohälfte vor. Der Teilabriss stellt somit den Zustand von 1945 dar: Die Gestapozentrale nach den Alliierten Bombardements. Das Hotel Silber, der Ort der NS Verbrechen, wird dadurch zwangsläufig zum Mahnmal des Bombenkrieges stilisiert. Die brutale Nachkriegsrestauration wird gleichsam aus den öffentlichen Raum mit entfernt.



4. Die Grünen entscheiden

Das Land ist Eigentümer des Hotels Silber. Am 27. März 2011 sind Landtagswahlen, eine Regierungsbildung mit der SPD und/oder der GRÜNEN ermöglicht die Wende in der Sache Hotel Silber. Die GRÜNEN Baden-Württemberg haben sich immer noch nicht hierzu positioniert. Nobelpreisträger, Praemium Imperiale Träger, frühere Regierungschefs und Bundesminister sowie herausragende Vertreter aus Wissenschaft, Kultur, Gewerkschaften, Publizistik und Politik haben sich in einer gemeinsamen Erklärung für den Erhalt des Hotels Silber ausgesprochen. Sie fordern die GRÜNE auf vor den Wahlen sich zu positionieren, ob sie für den Erhalt des Hotels Silber sind. Auch im Falle einer Bestätigung der jetzigen Regierungskonstellation spielen die GRÜNEN weiterhin die entscheidende Rolle, denn sind das Zünglein an der Waage im Stuttgarter Gemeinderat, der die Bebauungsgenehmigung erteilen muss.  Ob das zentralen Mahnmal der NS-Gewaltherrschaft und der brutalen Restauration, das „Hotel Silber“, erhalten bleibt, hängt von den GRÜNEN ab. Die Bürger haben deshalb das Recht zu erfahren, wie die GRÜNEN nach den Wahlen handeln werden.


 
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