Frankfurter Rundschau online vom 29. Juli 2009

Gestapo-Zentrale Stuttgart

Gedenken ja, Erhalt nein

VON GABRIELE RENZ

 

Das lang gezogene Haus in der Stuttgarter Dorotheenstraße steht gut da, im Krieg scheint es heil geblieben zu sein. Ganz früher residierte dort das "Hotel Silber". Ab 1936 aber wurde im Keller des Gebäudes gefoltert. Denn in der Dorotheenstraße 10 war die Stuttgarter Gestapo-Zentrale untergebracht die gefürchtete Leitstelle der Geheimen Staatspolizei. Viele ältere Stuttgarter erinnern sich daran, dass Eltern, Geschwister oder Bekannte dort festgehalten wurde, nicht alle überlebten die Misshandlungen. Ein Ort des Schreckens also, der aus Sicht vieler Stuttgarter Bürger nicht vergessen werden sollte. Doch das alte "Hotel Silber" soll abgerissen werden.

Das Nobel-Kaufhaus Breuninger hat Stadtobere und Land davon überzeugt, dass diese innerstädtische Ecke nahe Rathaus und Marktplatz unbedingt modern überbaut werden muss. "Da Vinci" heißt das Projekt. Der Bau soll weiteren Verkaufsflächen, einem Bürokomplex (für Landesministerien) und einem Fünf-Sterne-Hotel weichen. Zwölf Bürgerinitiativen verbanden sich darum zur "Initiative Gedenkort Hotel Silber". Sie druckte Flugblätter, organisierte Mahnwachen, zuletzt eine Woche lang. Ihr Maximalziel: Der Erhalt des Baus und die Einrichtung einer NS-Gedenkstätte und eines "Lernortes" nach Vorbild des Kölner NS-Dokumentationszentrums.

 

Gut vernetzt

Die Kritiker sind gut vernetzt. Günter Grass, Erhard Eppler oder Herta Däubler-Gmelin setzen sich ebenso dafür ein wie die Lokalgrößen Wolfgang Dauner oder Schauspiel-Intendant Hasko Weber. Die "Zugeständnisse" von Land und Kaufhaus, eine Gedenktafel anzubringen und im Keller unter dem schicken Neubau einen Gedenkort einzurichten, seien "Tinnef", meint Ebbe Kögel von der Initiative. Der Architektenwettbewerb klammert diese Planung ausdrücklich aus. Ein Gesamtprojekt zur Erforschung der NS-Zeit in Stuttgart und Württemberg habe sich nach vielen Gesprächen mit Älteren geradezu aufgedrängt, meint Kögel. Er fürchtet, dass "die Erfahrungen der Zeitzeugen von ihnen mit ins Grab genommen werden".

Politische Brisanz erhält das Thema darüber hinaus durch die jüngst entdeckte Entnazifizierungsakte Alfred Breuningers (18841947), die im Staatsarchiv Ludwigsburg eingelagert ist (StAL EL 902/20 Bü 99478): Als Mitglied der NSDAP (Nr. 3224757) spendete Breuninger ab 1933 jährlich 11878 Reichsmark ans Hitler-Werk. Wie Roland Maier für die Initiative recherchierte, erwarb die Firma Breuninger AG am 1. April 1938 von den jüdischen Eigentümern Josef Grünberg und Arthur Hirschfeld das Gebäude Marktplatz 16, den Stammsitz gleich neben der Dorotheenstraße, wo "Anfertigung von Uniformen aller Art" angeboten wurden.

 

Einkleider der Arbeitssklaven

Das heute für seine Luxusmarken bekannte "Breuninger" war auch ein Auslieferungslager für die Einkleidung von Arbeitssklaven. Breuninger war in Hitler-Deutschland eine Wirtschaftsgröße. Nach 1944 durfte er das Geschäft nicht weiterführen, es ging auf die Söhne über.

"Auf diesem Haus liegt eine historische Last", meint der Kabarettist Peter Grohmann. Die neuen Erkenntnisse über den "strammen Kameraden" Breuninger seien "gravierend" und machten einen authentischen Ort des Erinnerns an die Nazi-Gräuel umso dringender. Sonst würden sich in Stuttgart erneut braune "Spuren auflösen".

Die Initiative will an den Planungen beteiligt werden. Im Vergleich zu Städten wie München oder Köln, meint der Architekt Roland Ostertag, habe Stuttgart die Erinnerungskultur "sträflich vernachlässigt". Aus dem Finanzministerium heißt es nur: Wirklich authentisch sei der Ort nicht, nach dem Bombenhagel sei "viel restauriert worden". Ebbe Kögel hält dagegen, man müsse "keine Blutspritzer finden, um den Ort authentisch zu machen".

 

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Dokument erstellt am 29.07.2009 um 14:24:02 Uhr

Letzte Änderung am 30.07.2009 um 10:49:33 Uhr

Erscheinungsdatum 29.07.2009 | Ausgabe: d

 

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