Warum die Stuttgarter Stolperstein-Initiativen für den Erhalt des Hotel Silber sind
von Rainer Redies
In vielen öffentlichen Reden, so auch beim Hearing „Erinnerungsorte in Stuttgart“ am 17. Juli 2010, rühmen sich Vertreter unserer Stadt der hier so zahlreich verlegten Stolpersteine. Wir erwarten deshalb, dass unsere im Folgenden vorgetragenen Argumente für den Erhalt des Hotel Silber ernst genommen werden. Dabei setzen wir auf eine neue, sich anbahnende politische Kultur, die bürgerschaftliches Engagement ernst nimmt.
Bisher wurden hier fast 600 Stolpersteine verlegt. Dabei haben wir immer wieder erfahren, welchen Unterschied es ausmacht, ob Verlegungen vor Häusern erfolgen, die von NS-Opfern bewohnt wurden, ob man womöglich ihre einstige Wohnung noch betreten kann, oder ob wir vor einem Neubau oder gar einem leeren Platz stehen, die keine Bezüge mehr erlauben. Die Erinnerung an die Ermordeten ist doppelt ausgelöscht, wenn auch das Milieu vernichtet ist, in dem sie gelebt haben. Gleiches gilt für das Hotel Silber.
Ehemalige Stuttgarter, die in alle Welt fliehen mussten, unterstützen unsere Arbeit ideell, oft auch finanziell – und sie betonen ihre Verbundenheit mit der alten Heimat. Es sind Beweise ihrer kritischen Anteilnahme, wenn sie im Hotel Silber ein „unersetzbares Mahnmal der jüngeren Vergangenheit Deutschlands“ sehen und seinen Erhalt „als nie wiederkehrende Gelegenheit“ bezeichnen, „der Zukunft zu dienen“. Es muss gehört werden, wenn sie davor warnen, „die NS-Verbrechen mit dem Abbau dieses Hotels einfach unter den Teppich schieben zu wollen“. Mit Judith Lieblich-Patarra verlangen wir Respekt „gegenüber den Tausenden, die an diesem Ort hilflos der Gewalt des Nazifaschismus ausgeliefert waren“.
Gravierende Erinnerungen sind mit dem Hotel Silber aber nicht nur für zahllose Opfer des NS-Terrors und ihre überlebenden Angehörigen verbunden, hier hat mit der schändlichen Behandlung von Staatspräsident Bolz auch die politische Kultur Württembergs einen Tiefpunkt erreicht.
Hunderte verlegter Stolpersteine sagen noch nichts über die biografische Recherche als Schwerpunkt und Voraussetzung unserer Arbeit: Stolpersteine werden erst verlegt, wenn das Schicksal des jeweiligen Opfers so weit als irgend möglich erforscht ist. Dabei kommen Dokumente, Bilder und Zeitzeugenberichte zusammen, eine kaum noch überschaubare Materialfülle, die der Sicherung, fortlaufenden Ergänzung und Verknüpfung bedarf. Die Aufgabe, das gesammelte Material zu dokumentieren und weiterer Forschung zu erschließen, bedarf einer Infrastruktur und wissenschaftlicher Kompetenz, die unsere ehrenamtliche Arbeit unterstützt. Es bedarf, soll die Arbeit vieler Einzelner nicht in Schubladen und Computern vergessen werden, eines wissenschaftlich geleiteten Zentrums, das die vorhandenen Ergebnisse aufgreift, überprüft und zusammenführt. Darüber hinaus bedarf es der Kompetenz, die Ergebnisse unserer Arbeit weiterzugeben, besonders an die junge Generation. Und menschliches Geschichtsbewusstsein „lässt sich durch authentische Orte … in anderer Weise ansprechen als durch Reproduktionen, Replika oder Rekonstruktionen“. Nimmt man dieses von Professor Brumlik beim Hearing „Erinnerungsorte“ getroffene Aussage ernst, muss das Hotel Silber erhalten bleiben. Die jüngst vorgeschlagene museale Präsentation der Fassade des Hotel Silber in einem Neubau betrachten wir als historisierenden Kitsch.
Wenn immer wieder darauf abgehoben wird, dass im Keller des Hotel Silber verhört, gefoltert und gemordet wurde, ist dies nur die halbe Wahrheit! In den Etagen darüber saßen die Strategen und Experten der Vernichtung! Das sehr ansehnliche Haus Dorotheenstraße 10 gewaltsam aus dem Stadtbild zu entfernen kommt deshalb einem Ausradieren der Erinnerung an die Täter gleich, die großenteils nach 1945 in Amt und Würden blieben. Darüber haben beim Hearing „Erinnerungsorte“ Experten ihre Meinung kundgetan. Das Ergebnis lässt sich in einem Satz zusammenfassen „Das Hotel Silber muss erhalten bleiben“. Soll das Hearing mehr als eine Alibi-Veranstaltung gewesen sein, darf darüber nicht hinweggegangen werden. Deshalb appellieren wir an Herrn Oberbürgermeister Dr. Schuster, die Vertreter des Gemeinderats und die Parteien, sich mit diesem Ergebnis auseinander zu setzen. Bisher haben sich nur SPD und SÖS-Linke zum Ergebnis des Hearings bekannt und für den Erhalt des Hotel Silber plädiert. Deshalb fordern wir die Gemeinderatsfraktionen von CDU, FDP, Freien Wählern und Grünen auf, deutlich zu machen, ob und warum sie sich über dieses Ergebnis hinwegsetzen.
Wie viel wertvolle Bausubstanz unsere Stadt schon durch Abriss verloren hat, ist oft genug beklagt worden. Zuletzt wurde der Hauptbahnhof geschändet, jetzt steht das Hotel Silber auf dem Programm. Auch hiergegen protestieren wir als Stuttgarter Stolperstein-Initiativen. Das Stadtbild gehört den Bürgern!





