Bikernieki - Birkenwäldchen

Bikernieki – Birkenwäldchen

Besuch in Riga Sommer 21

von Susanne Stephan (Stolperstein-Initiative Stuttgart-West)

Im Sommer 21 konnte ich auf einer Baltikum-Reise einige Gedenkstätten in Riga besuchen, so das Memorial von Bikernieki („Birkenwäldchen“) und jenes im Wald von Rumbula, sowie das ehemalige Ghetto im Stadtzentrum. Orte, die mir bei Recherchen immer wieder begegnet waren; zahlreiche Stolpersteine, die wir im Stuttgarter Westen verlegt haben, tragen die Zeilen „Deportiert 1941 Riga / ermordet“. Darunter der Stolperstein für Salome Warscher in der Schlosstraße, Mutter von Josef Warscher, der nach 1945 maßgeblich zu einer Wiederbelebung jüdischen Lebens ins Stuttgart beitrug. Oder die Stolpersteine in der Johannesstraße, die an die Familien Grünwald und Guggenheim erinnern.

Am 1. Dezember 1941 verließ ein Zug mit rund tausend jüdischen Bürgerinnen und Bürger aus Württemberg, die zuvor im „Sammellager Killesberg“ interniert waren, den Stuttgarter Nordbahnhof; das Ziel war Riga, das dortige Ghetto im Zentrum der Stadt, das man in den Tagen zuvor ‚geräumt‘ hatte, was bedeutete:
15 000 dort internierte lettische Menschen jüdischen Glaubens wurden in den Wald von Rumbula am Rigaer Stadtrand verbracht und erschossen.

Die aus Stuttgart Deportierten verteilte man auf das Ghetto wie auf das KZ Jungfernhof in einem Vorort; dort starben, erfroren während des harten Winters 1941/42 rund ein Viertel der Menschen in ungeheizten Baracken.

Am 26. März 1942 wurden im Zuge des sogenannten „Aktion Dünamünde“ rund 1800 deutsche Jüdinnen und Juden im Wald von Bikernieki erschossen, darunter die Stuttgarter Malerin Alice Haarburger. Man hatte Arbeit in einer Fischkonservenfabrik im Rigaer Stadtteil Dünamünde versprochen, tatsächlich verbrachte man diejenigen, die sich dafür meldeten, nach Bikernieki. An diesem Ort starben in den Jahren von 1941-44 ca. 35 000 Menschen, zumeist jüdische Opfer, aber auch politische Gegner und sowjetische Kriegsgefangene. Von den 1003 Menschen jenes Stuttgarter Transports vom 1. Dezember 1941 überlebten nur 43 den Holocaust, nach weiteren Leidensstationen in den KZs Kaiserwald und Stutthof.

Bis in die Achtziger Jahre erinnerte nur in Rumbula ein Gedenkstein an die ca. 30 000 dort ermordeten Menschen; es war das einzige Holocaust-Denkmal auf dem Gebiet der Sowjetunion. Der lettische Holocaust-Überlebende und Historiker Margers Vestermanis, der während der Sowjetzeit die Erinnerung an die Ermordung der lettischen Juden wachzuhalten versuchte, gründete 1990 das Jüdische Museum in Riga. Im November 2001, also vor genau zwanzig Jahren wurde auf Initiative des Riga-Komitees und des Volksbunds Deutscher Kriegsgräberfürsorge e.V. in Bikernieki ein neues Memorial nach Entwürfen des Architekten Sergejs Rižs gestaltet. Um eine baldachin-ähnliche Mitte mit einem dunklen Granitwürfel, der eine Inschrift in vier Sprachen (Lettisch/Hebräisch/Deutsch/Russisch) trägt, gruppieren sich Felder mit kleineren Granitsteinen, die an die Deportationen aus deutschen, österreichischen, tschechichen Städten erinnern. Auf die bereits früher mit Betonrändern markierten Massengräber wurde jeweils ein größerer Granitstein gesetzt.

Die Gedenkstätten Bikernieki und Rumbula sind nicht besonders gut ausgeschildert; wenn man mit dem Auto kommt, fährt man leicht daran vorbei. Es sind weitläufige Gelände, die in reine Waldgebiete übergehen. Spaziergänger und Jogger kreuzen die Wege, ein Junge mit Mountainbike übt Kunststücke auf den Treppenstufen der Gedenkstätte. Vor den Gedenksteinen entdecke ich hier und da Plastikblumen, auch eine Vase „Made in GDR“, also DDR, wie auf der Unterseite zu lesen, „Goldrelief handgemalt“. Wann gelangte sie nach Riga, wer hat sie hier abgelegt? Man könnte viel hineininterpretieren – für mich ist es schlicht der Versuch einer persönlichen Geste gegen das unvorstellbare Grauen.

 

20210819_154223

20210819_161735

Mittelpunkt der Gedenkstätte von Bikernieki (Bild Susanne Stephan)

20210819_154232
Die Granitsteine in den einzelnen Städtefeldern sollen dicht gedrängt stehende Menschen darstellen.(Bild Susanne Stephan)

20210819_161356
Die bereits in den Sechziger Jahren durch eine Betonfassung markierten Massengräber, im Hintergrund der weiße „Baldachin“ der neuen Gedenkstätte.(Bild Susanne Stephan)

 

20210819_160329
Vor einem Gedenkstein in Bikernieki.(Bild Susanne Stephan)

20210821_095839
Das 2002 entsprechend der Gedenkstätte Bikerniekiumgestaltete Memorial von Rumbula.(Bild Susanne Stephan)

20210820_155351
Eingang zum Rigaer Ghetto-Museum. (Bild Susanne Stephan)

20210820_162051
Auf einer Tafel im Ghetto-Museum sind die Namen der nach Riga deportierten jsind die Namen der aus Württemberg deportierten jüdischen Bürgerinnen und Bürger aufgeführt. (Bild Susanne Stephan)
20210820_161536

Auf dem Hof des Ghetto-Museums (Bild Susanne Stephan)

Text und Bilder: Susanne Stephan

 

Bikernieki