Redebeitrag der Teilnehmenden des Campo della Pace 2022

Redebeitrag der Teilnehmenden des Campo della Pace 2022

bei der offiziellen Gedenkfeier in Sant Anna am 12, August 2022

Liebe Zuhörer:innen, liebe Zeitzeug:innen,

Wir sind zwei Teilnehmende des Campo della Pace 2022. Wir sind seit dem 3. August hier oben, um den Zeitzeug:innen zuzuhören und die Erinnerung an das Massaker von Sant’Anna di Stazzema wach zu halten.

Wir haben heute die Ehre, zu Ihnen sprechen zu dürfen. Wir erlauben uns, im Namen einer Gruppe von 18 italienischen und deutschen jungen Menschen zu sprechen. Wir sind uns vor neun Tagen zum ersten Mal begegnet, heute stehen Sie die Sprecher:innen einer eng zusammengewachsenen und harmonischen Gruppe gegenüber. Aus Fremden sind Freunde geworden, wir haben zusammen diskutiert, gelacht, geweint und eine gemeinsame und unzertrennliche Gruppe gebildet. Ob es der Austausch von persönlichen Geschichten innerhalb der Gruppe ist oder das gemeinsame Lernen von unseren Reiseleiter:innen und Freunden, all unsere Erfahrungen verbinden und einen uns.

Das Fundament dieser unbeschreiblichen Entwicklung war stets der Dialog.

Wir hatten die Ehre, mit Mario Marsili, mit Adele und Siria Pardini und mit Enio Mancini zu sprechen. Diese außergewöhnlichen Menschen teilten mit uns ihre Geschichten und Erinnerungen. Dafür sind wir ihnen aufrichtig dankbar. Mit ihren Visionen von einer besseren Zukunft haben sie uns bewegt und beeindruckt. Bei den Gesprächen mit den Zeitzeug:innen gab es ein Schlüsselwort, dem wir immer wieder begegnet sind: das Wort “Frieden”. Auch die Worte von Enrico Pieri, den wir in diesem Jahr nicht mehr persönlich treffen können, umreißen diese Idee des Friedens. Obwohl wir sehr traurig sind, dass er von uns gegangen ist, ist seine Anwesenheit im Camp immer und überall zu spüren.

Was uns nach wie vor motiviert, den Dialog mit den Zeitzeug:innen fortzusetzen und uns aktiv für den Frieden einzusetzen, ist genau jene unüberwindliche Kraft in Enrico, die ihn dazu brachte, unermüdlich über seine Erlebnisse am 12. August 1944 zu sprechen. Er hat unseren unerschütterlichen Willen gestärkt, nicht zu schweigen und weiter über die Geschehnisse in Sant’Anna di Stazzema zu sprechen, damit sie nie vergessen werden.

“Ohne Erinnerung gibt es keine Zukunft”, sagte Enio Mancini am Ende unseres Gesprächs vorgestern. Dieser Satz fasst gut unsere Überzeugung zusammen, dass es unerlässlich ist, den Dialog weiterzuführen, weiter zu erinnern und auch zu verurteilen.

Denn ja, es ist unabdingbar, alle jenes zu verurteilen, was unseren gemeinsamen Willen zur Erinnerung stören will. Es ist unabdingbar, Geschichtsrevisionismus zu verurteilen und es ist auch unabdingbar, das Vergessen und Hass anzuklagen. Wir, Teilnehmende des Friedenscamps, machen uns keine Illusionen: es gibt weiterhin jene, denen es passt, die Vergangenheit zu vergessen oder zu ändern, um dieselben Ideologien wieder aufleben zu lassen, die in ihrem Wesen Hass und Unterdrückung verkörpern und letztlich zum Tod von Kindern, Frauen und Männern führen.

Im Kontrast zu dieser revisionistischen Dynamik und inspiriert durch die Worte von Mario Marsili und die Erfahrungen der letzten Tage haben wir im Campo della pace 2022 eine neue Maxime formuliert, die uns auch nach dem Camp begleiten wird: Dialog.

Deshalb werden wir, wenn wir zu unseren Familien und Freunden zurückkehren, die Geschichten, die wir in den letzten Tagen gehört haben, weitergeben, damit noch mehr Menschen zu Zeitzeug:innen werden und damit noch mehr Menschen die Schlussfolgerungen ziehen, die wir gezogen haben, sodass sie sich unserem Kampf für Erinnerung und Frieden und gegen ihre Störer anschließen. Wir laden Sie ein, dasselbe zu tun und im Frieden und im Dialog zwei wesentliche Maximen zu erkennen, für die es sich zu engagieren und mit Überzeugung zu kämpfen gilt.

Nie mehr Sant’Anna!

Danke

Bilder vom 2. Teil des Friedenscamps in Stuttgart (29.10.-01.11.2022) und von der Veranstaltung im Hotel Silber am 30.Oktober 2022, bei der die Teilnehmenden die Ergebnisse ihrer Workshops vorstellten